Yannick Mari – Roman

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Hier finden Sie einen Ausschnitt aus meinem Roman
„Die Geschichte eines alten Mannes – Von Drachen und Großvätern“:

 

Stille. Zitternde Schatten an der Wand.

Müde Augen die auf den tanzenden Bewegungen der kleinen Flamme ruhen.

Es war tiefe Nacht und wie üblich saß der alte Mann am Tisch in seinem Zimmer. Böse Zungen würden es ein Loch nennen, denn besonders wohnlich war es nicht. Ein muffiger Geruch erfüllte die dicke, feuchte Luft und die kalten, nackten Mauern trugen ihren Teil zur Kerker-Atmosphäre bei.

Eine kleine Kerze stand auf dem Tisch und erhellte die mit zahlreichen Furchen durchzogene Tischplatte, auf die sich der alte Mann stützte und in die Leere am anderen Ende des Tisches starrte.

Dort hatte sie gesessen und mit ihm gesprochen, von dort aus hatte sie ihm Trost gespendet und ihn angelächelt, auf ihre ganz eigene ungezwungene Art.

Sie war vor zehn Jahren an Krebs gestorben und obwohl er sich dessen schmerzlich bewusst war, redete er jeden Abend mit einem Bild aus Licht und Schatten. Mit einem Bild seiner verstorbenen Frau, die nun nie wieder bei ihm sitzen würde, am anderen Ende des Tisches, auf dem mit Staub bedeckten Stuhl.

Viele Monate waren vergangen, seit er mal einen Fuß vor die Tür gesetzt hatte. Wie viele es tatsächlich waren vermochte er nicht genau zu sagen; auf sein Zeitgefühl war schon lange kein Verlass mehr. Das Leben raste nur so an ihm vorbei, während er selbst sich in Zeitlupe zu bewegen schien.

Die einzige Regelmäßigkeit in seinem Leben waren die wöchentlichen Besuche seiner Enkelin, die jeden Montag, nach der Schule, ihren Großvater bekochte und für ihn einkaufte.

Heute war wieder so ein Tag.

 

[…]

 

Niemand hätte vorhersehen können, welches Schicksal mich erwartete. Ich würde ein Abenteuer erleben, welches ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können.

Angefangen hat alles im Königreich Haratrien, am vierten Tage des zehnten Monats im Jahre des Herrn 1421. Wie üblich verbrachte ich die Nacht in der Schenke um die Ecke. Es war bereits hell geworden, als draußen die Hölle losbrach. Laute Stimmen, das Klirren herunter-fallender Ziegel und das Surren von Pfeilen drang an meine Ohren.

Sofort stürmten wir, ich und meine Saufkumpanen, aus dem Haus und bekamen den Mund nicht mehr zu, als wir sahen was vor sich ging: Die Unterstadt brannte und vor den Toren wartete eine mächtige Streitmacht auf den Fall der Stadtmauern.

Ohne Vorwarnung und im Schutze der Dunkelheit hatte sie ihren Angriff begonnen. Wer dies befohlen hatte, und warum, war uns zu diesem Zeitpunkt noch völlig unklar.

Ehe ich mir weitere Gedanken über die möglichen Gründe dieses Schlamassels, in dem wir steckten, machen konnte, schwirrte eine weitere Salve Brandpfeile über unsere Köpfe hinweg.

Wir mussten dringend von der Straße runter und weiter in Richtung Stadtkern, raus aus der Gefahrenzone.

Gerade als wir den Marktplatz erreicht hatten hörten wir einen Schrei, der uns das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ein markerschütterndes Brüllen, das seinen Ursprung bei einem fliegenden Schatten hatte, der die Sonne verdeckte.

»Drache!«

Es war ein Drache, ein feuerspeiendes Ungetüm von gewaltiger Größe. Rote Schuppen brachen das Licht in alle möglichen Rottöne, spitze weiße Fangzähne ragten aus seinem Maul hervor und ein mit Stacheln bewehrter Schwanz peitschte durch die Luft.

Die Menschen um uns herum fingen an zu schreien und rannten panisch und mit eingezogenen Köpfen durcheinander, flüchteten in ihre Häuser, die Augen gen Himmel gerichtet.

Wir mussten dringend an Waffen kommen, denn auch wenn uns der Tod erwartete, würden wir sicher nicht kampflos untergehen. So eilten wir die Straße hinauf, dem Tor der Kaserne entgegen. Die Stadtwache würde jetzt sicher jeden Mann brauchen.

Als wir dort ankamen war das Tor aus seinen Angeln gerissen worden und die Gebäude und Ställe der Kaserne brannten. Im Innenhof der Anlage lagen Leichen verstreut und zu Haufen aufgetürmt. Der Drache schien hier zugeschlagen zu haben, noch bevor die Soldaten wussten wie ihnen geschah, geschweige denn sich in Sicherheit bringen konnten.

 

Die Frage war nun, wie man ohne Kämpfer und ohne Gegenmaßnahmen oder Verteidigungsanlagen gegen einen Drachen und eine Übermacht an Feinden ankommen konnte. Weder wussten wir Antwort darauf, noch kannten wir jemanden, den wir diesbezüglich hätten fragen können.

Wir nahmen uns der kläglichen Reste von Waffen und Rüstungen an, die vom Feuer verschont worden waren und eilten in Richtung Burg.

Vielleicht konnten wir ja doch noch von Nutzen sein

 

(c) Yannick Mari 2013

Außerdem schrieb ich mein Buch zu einem Hörspiel-Skript um, welches (leider nicht zur Gänze) dann auch tatsächlich umgesetzt wurde.